Anna Jermolaewa

works ǀ text ǀ biography ǀ publications ǀ documentation ǀ contact ǀ representing galleries
 
 

 

html / pdf    
 

Bärbel Vischer in: Kunst Meran, From Russia with Love,
Ausstellungs-Katalog 2007

Anna Jermolaewa fokussiert, gleichsam den Gedanken des Philosophen Byung-Chul Han bezüglich seiner spezifischen Auffassung von „Hyperkultur“ folgend, eine hyperkulturelle Welt der Dinge, die aus ihrem jeweiligen Ort, aus ihrem historischen Kontext und rituellen Sinnzusammenhang gelöst und durch Massenproduktion und Globalisierungsprozess in ein indifferentes Nebeneinander gestellt wurden. Diesen Objekten, sei es, dass es sich um Konsumgüter oder um Dienstleistungen handelt, verleiht die Künstlerin eine neue Identität, indem sie sich deren Eigenschaften und den jeweiligen immanenten Aktionsradius zunutze macht. Jermolaewa lässt die Dingwelt sprechen und kreiert ein Marionettentheater, an dessen unsichtbaren Fäden sie selbst zieht. Mit Vorliebe lässt sie diverse Gegenstände nahezu absurde Handlungen ausführen, ein ironisches Augenzwinkern ist inbegriffen. Gleichzeitig verknüpft Jermolaewa mehrere Bedeutungsebenen, entwirft fiktive Erzählräume oder fokussiert alltägliche Symbole und Zeichen, die sie signalartig zu betonen weiß.
Das Video "Pelzhaube" (2005) zeigt de facto eine Pelzhaube in Großaufnahme und basiert eigentlich auf einer persönlichen Kindheitserinnerung, nämlich als Jermolaewa die Rolle der Friseuse spielte. Damals verpasste sie, heimlich versteht sich, dem wertvollen Stück aus Familienbesitz, – ein Symbol für Wohlstand und auch Gegenstand finanzieller Absicherung, einfach eine neue Frisur: Nachdem die Pelzhaare sorgfältig geordnet worden waren, setzt die Schere an. Im Hintergrund läuft das Radio. Der Akt des Schneidens kommt einer rituellen Handlung gleich. Die Pelzhaube ist ein kulturell konnotiertes Symbol, hier ein Ausdruck soziokultureller Identität in Russland, wo eben jene Kopfbekleidung aus dem Alltag nicht wegzudenken ist. In den Wintermonaten prägt die schmucke, bauschige Mütze das moderne Stadtbild ebenso wie den ländlichen Raum und wird zum Ausdruck des Kollektivs, zur Uniform der Masse. Die Aktion von Jermolaewa ist also nicht weniger brisant, als ob sie eine Nationalfahne verbrenne.