Anna Jermolaewa

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„Nach der Grenze ging’s bergab“


Vor 20 Jahren fiel der Eiserne Vorhang. Die russische Künstlerin Anna Jermolaewa berichtet von ihrem Sprung in die Freiheit

Falter 29/2009 vom 15.7.2009

Autor: Matthias Dusini


Anna Jermolaewa, 1970 in Sankt Petersburg geboren und in Wien lebend, gehört heute zu den wichtigen österreichischen Videokünstlerinnen. Ihre Arbeiten sind gerade im Museum auf Abruf (Musa) und in der Galerie Engholm Engelhorn zu sehen. Derzeit macht sie einen Film über ihre Fluchthelferin Aleksandra Wysokinska. Hier erzählt sie, wie sie das Wendejahr 1989 erlebt hat.

„Ich bin im Mai 1989 aus Sankt Petersburg geflüchtet. Wir waren damals Redaktionsmitglieder der Zeitschrift Demokratische Opposition, die wir zuerst als Parteizeitung der von uns mitgegründeten oppositionellen Partei Demokratische Union herausgebracht haben.

Dann haben wir uns abgespalten und die Zeitung als kulturpolitische Zeitschrift weitergeführt. Vielleicht haben wir uns dabei etwas zu viel erlaubt. Es gab damals noch einige Tabus: Lenin etwa war unantastbar. Ich habe Karikaturen gezeichnet, und mein Exmann hat ein Gedicht geschrieben, in dem Lenin Russland vergewaltigt. 1988 wurde gegen uns beide ein Verfahren eingeleitet; es gab Hausdurchsuchungen und Vernehmungen beim KGB.

Ich war damals noch Schülerin und bin von Spitzeln begleitet in die Schule gegangen, was mir imponiert hat, auch, dass meine Lehrer und Eltern vom KGB vernommen worden sind. Der Prozess erregte großes Aufsehen, denn es hat niemand damit gerechnet, dass zu der Zeit noch jemand nach Artikel 70 des Strafgesetzbuches angeklagt wird. Alle Gulag-Häftlinge waren nach diesem Artikel über antisowjetische Agitation und Propaganda angeklagt worden. Wir dachten, das sei längst Geschichte.

Wir sind dann mit dem Zug nach Polen gereist, ohne Gepäck, denn wir waren sicher, dass wir verhaftet werden. Ich weiß nicht warum, aber wir wurden rausgelassen. Wir wollten nach Westberlin und dann weiter nach Amerika. Um auszureisen, bedurfte es einer formalen Einladung. In Polen hatten wir kein Geld in der Tasche, nur einen Zettel mit der Adresse einer Unbekannten. Wir sind nach Krakau gefahren und haben an ihre Tür geklopft.

Aleksandra hat uns aufgemacht, und wir haben ihr die Situation erklärt. Ich habe sie erst kürzlich wiedergefunden, und sie hat mir viele Sachen erzählt, die ich verdrängt habe. Zum Beispiel, dass sie uns zum Zahnarzt geschickt hat, weil wir in Amerika keine Sozialversicherung haben würden. Der Zahnarzt hat uns umsonst die Zähne repariert. Ich habe auch vergessen, dass wir dem Zahnarzt später aus Traiskirchen eine Postkarte geschickt haben mit dem Text: „Vielen Dank. Unsere Zähne kauen bereits kapitalistisches Essen.“

Es gab damals eine neue Möglichkeit für polnische Staatsbürger, in den Westen zu kommen, die Shoppingtour nach Wien. Aleksandra hat uns für einen solchen Reisebus Tickets gekauft; sie selbst kam auch mit. Wegen uns ist der Bus dann aber an jeder Grenze stundenlang gestanden. Die Leute waren nervös, da sie nur einen Tag Zeit hatten. Um sie zu beruhigen, hat sich Aleksandra das Mikrofon geschnappt und gesagt: Unsere Genossen aus Russland wollen ja auch Wien sehen.

An der österreichischen Grenze hieß es dann endgültig „Nein!“. Dann gab es wieder stundenlange Diskussionen. Schließlich bekamen wir ein Visum für drei Tage, das wiederum Aleksandra gezahlt hat. Ich habe mir nie vorgestellt, dass ich jemals ins Ausland reisen würde. Auf der Fahrt zur Grenze habe ich mir gedacht, ich würde lachen vor Glück. Stattdessen habe ich stundenlang geheult.

Nach der Grenze ging’s bergab. Wir sind in die amerikanische Botschaft gefahren, um um Asyl anzusuchen. Die erklärten uns, wir sollten das in Wien machen. Wie hatten nur mit polnischen Staatsbürgern zu tun, und die rieten uns, niemanden anzusprechen. Nachdem Aleksandra wieder abgereist war, haben wir am Westbahnhof übernachtet. Nach fünf Tagen wollten wir per Autostopp nach Paris. An der deutschen Grenze wurden wir verhaftet, zur Staatspolizei nach Salzburg gebracht und dann nach Traiskirchen geschickt.

Diese Zeit war nicht so lustig. Wir lebten in einem sogenannten Familienzimmer, 40 Leute in einem Raum. Eine Frau hat in der Nacht fast entbunden. Die Klos hatten keine Türen. Das Essen wurde über Lautsprecher mit einem „Jamjam“ angekündigt. Wir haben einen Monat auf das Interview gewartet, das die Grundlage für den Asylantrag bildet.

Nach dem Interview hat uns ein Bus abgeholt, um uns in eine Flüchtlingspension zu schicken. Der Bus fährt durch Österreich und die Leute werden irgendwo rausgelassen. Bei uns war es eine Pension im Wald, acht Kilometer von Jennersdorf im Südburgenland entfernt. Nach sechs Monaten kam der Brief mit der Anerkennung des politischen Asyls. Wir haben sofort gepackt und sind noch in der Nacht nach Wien gefahren.“

Anna Jermolaewa:
bis 31.7. in der Galerie Engholm Engelhorn
(4., Schleifmühlg. 3).
www.engholmengelhorn.com