Anna Jermolaewa

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  "Mit 40 schon unerträglich alt"

Hedwig Kainberger Salzburg (SN).


Ein anscheinend harmloses Schwarz-Weiß-Foto von 1986 zeigt sechs Leningrader Gymnasiasten. Eine von ihnen, Anna Jermolaewa, emigrierte wenig später nach Österreich, studierte hier, wurde Künstlerin und zeigt nun im Salzburger Künstlerhaus die ungewöhnlichen Konsequenzen, die sie beim Blick auf dieses Foto gezogen hat. Das Ergebnis ist seit gestern, Donnerstag, in der Ausstellung „Das vierzigste Jahr“ zu betrachten. Es sind berührende, ungewöhnliche Menschenbilder: vier Videos zu je 30 bis 40 Minuten, drei Zeichnungen und sechs Gemälde, eine Diashow über das heutige Petersburg sowie das Gruppenfoto von 1986.

Die Inspiration für den Titel kommt von Ingeborg Bachmanns „Das dreißigste Jahr“. Dort heißt es: In diesem Alter entdecke man „die Fähigkeit, sich zu erinnern“.

Für die Ausstellung ist 40 zur leitmotivischen Zahl geworden, weil die sechs Schüler zur Zeit des Fotos einander versprochen hatten, im Alter von 40 Jahren ihr Leben zu beenden. Daher wollte Anna Jermolaewa als 40- Jährige herausfinden, was aus ihren Kommilitonen geworden ist, und die Begegnungen auf Videos festhalten. Das einstige Versprechen haben alle sechs gebrochen. Vier der sechs sind emigriert.

Alex, der nach 15 Jahren in Israel nun in Kanada lebt, wollte nicht sprechen und nicht gefilmt werden, also schickte er nach Salzburg Zeichnungen und Gemälde, die er im Jänner 2012 nach Fotos seiner Schulfreundinnen so angefertigt hatte, wie er es an der Petersburger Kunstschule als sozialistischen Realismus gelernt hatte. Auch Nastja, nun eine reiche Frau in Hongkong, untersagte, dass ihre Geschichte publik würde. So zeigt das Video nur Bilder einer Bootsfahrt Nastjas und Annas, das Gespräch bleibt geheim.

Hingegen schildern Anja M. und Anja P. aus Petersburg sowie Lena B. aus Boston eloquent, was aus den Lebensträumen geworden ist, sie erzählen von Entwurzelung, Ehekrach und Alltagsfreuden. Anja sagt auf die Frage, warum sie nicht emigriert sei: Ihr sei unvorstellbar, in einer Stadt ohne Eremitage zu leben.

Diese Videos beeindrucken wegen der Schilderungen an der Wende von Jugend zu Erinnerung und wegen ihrer politischen Tragweite. „Wir sind eine Auswandergeneration“, sagte Anna Jermolaewa im Pressegespräch. In ihrem Umkreis hätten damals alle versucht, zu emigrieren. „In jeder Küche sprach man davon: Wartest du auf Amerika, Israel oder Kanada?“ Alle ihre nahen Verwandten leben nun in Israel oder den USA.

Wenn Anna Jermolaewa sagt, sie sei nun wieder politisch aktiv, so meint sie – auch fast 25 Jahre nach ihrer Ankunft in Wien – Russland. Sie reist oft dorthin, zum einen, weil die Galerie XL in Moskau sie vertritt. Zum anderen trifft sie Dissidenten von damals und nimmt, wenn möglich, an den Anti-Putin-Demonstrationen teil. Sie spendete für den Druck einer Broschüre über Putins Korruption. Worin sieht sie für Kunst politische Möglichkeiten? Der Künstler sei wie ein Hofnarr, sagt Anna Jermolaewa, „der kann sich einiges leisten und direkter sein“.Ausstellung: Anna Jermolaewa, „Das vierzigste Jahr“, Salzburger Kunstverein, bis 15. April. Gespräch mit der Künstlerin am 1. März, 19 Uhr.


Salzburger Nachrichten

Kultur / 10.02.2012 10.02.2012 / Print