Anna Jermolaewa

works ǀ text ǀ biography ǀ publications ǀ documentation ǀ contact ǀ representing galleries
 
 

 

html / pdf    
 

Manisha Jothady
Artmagazine online (28.01.06)

Galerie mezzanin: Anna Jermolaewa
Bedeutungsvolle Funktionsstörungen

Was von Klimt bis Picasso als Sinnbild für Innigkeit taugte, erweist sich in Anna Jermolaewas Video "Kiss" als eine ins Groteske gesteigerte, nicht zu bewältigende Übung. Denn nur unter umständlichen Verrenkungen will es klappen, das Küssen, zwischen zwei Akteuren, die durch Mickeymaus-Masken nicht nur anonymisiert sondern vor allem karikiert sind. Das Gesicht des Gegenübers im falschen Winkel angepeilt: schon landet die Gumminase des einen im Gummimund des anderen. Der Reibungslose Ablauf von zwischenmenschlichen Ritualen erscheint uns solange als natürlich wie die Bedingungen ihrer Existenz nicht hinterfragt werden. Was aber, wenn das Alltägliche Funktionsstörungen unterliegt? Dann sind wir existenziellen Grundstimmungen ausgeliefert, denken nach über das Verhältnis zwischen Ich und Welt.
Batterie betriebenes Spielzeug kam in diesem Sinne bei Jermolaewa schon oft zum Einsatz. Aktuell sind es drei den Teletubbies nicht unähnliche Puppen. Ausgesetzt auf einem Floß auf hoher See trällern sie ein undefinierbares Liedchen. Einem Song der Gruppe Kraftwerk aus 1978 eingedenk, könnte der Text lauten: "Wir laden unsere
Batterie. Jetzt sind wir voller Energie. Wir funktionieren automatik. Wir sind die Roboter." Kurzum: Komme was wolle, keine Lebenslage, die nicht irgendwie bewältigt werden kann solange der Saft nur ausreicht.
Mit der für sie charakteristischen Leichtigkeit und mit Humor gelingt es Anna Jermolaewa auch in ihrer aktuellen Schau banale Handlungsabläufe auf eine metaphorische Ebene umzulenken. Wie in ihren früheren Videoarbeiten spielen die Reduktion auf ein zentrales Motiv, die Frontalität des Dargestellten und die Wiederholung von Handlungen und Gesten eine zentrale Rolle. Stichwort "funktionieren": Wie gut wir fremd bestimmt dies in der Menge tun, führt Jermolaewas Dreh von Touristenführungen und Demos etwas öde vor. Und was nicht funktioniert zeigt die Künstlerin in "Research for Sleeping Positions" – nämlich: Schlafen auf einer Bank am Bahnhof. Bei aller Qualität dieser Schau: Körperstudien sind einfach nicht Jermolaewas Ding.