Anna Jermolaewa

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...Diese Ausstellung sucht nach Bildern kulturell belegter Werte, wie Liebe, Zugehörigkeit, Schutz, Reichtum und Wissen. Wörter, die in ihrer selktiven Wirkung Menschen in Habende und Nichthabende unterteilen, und weiter Existenz oder Nichtexistenz bedeuten können.
Wissen, zugeschnitten für einen Rundgang, bei dem die Teilnehmenden den Worten eines Touristenführers und einer winkenden Signal-Fahne in Form eines Regenschirms, oder eines auf einer Stange drapierten Federbuschens, Schals oder Taschentuches folgen, wird so als Uniformität von Wissen dargestellt. Gefolgt wird oft trotz möglicher Fragwürdigkeit und Langeweile im Glauben an eine Wichtigkeit und Richtigkeit.
Jermolaewa filmt in Städten wie Prag, Budapest, Moskau, St. Petersburg, Paris, Istanbul, etc. - an Orten, wo sich die Touristenströme überlappen und die kleinen bunten Wimpel über den Köpfen der Menschen das wilde Durcheinander ohne Mühen zu bewältigen wissen. "Folget dem Zeichen" ein fast biblisches Zitat, das sich in nächster Vergangenheit immer wieder im Bild des politischen Marschierens in die Laufrichtung der ideologischen Erziehung einer Gesellschaft bewährt hat. Anna Jermolaewa konserviert quasi Restexistenzen dieser Verhaltensmuster in ihrer Videoarbeit "Regenschirmdemos" (2004-2005).
Regenschirmdemos, Video, 2004/2005, 7 Minuten, geloopt, Edition 3 + 2

Es gibt solche, die ihren Traum von Reichtum und ihren Durst nach Macht durch Ausbeutung, Unterdrückung, und alle Arten der Auslöschung verfolgen und befriedigen, und andere die vor dem daraus entstehenden Fangnetz von Armut oder politischer Verfolgung mit allen Mitteln zu flüchten bereit sind, sich in der Hoffnung auf ein besseres Leben, ein persönliches El Dorado, auf ungewiss endende Reisen einlassen.
Analog dazu lässt Jermolaewa in der Videoarbeit "go... go... go... go...", (2005) auf einem kleinen Floß aus Bambusstäben drei in China billig für die Konsumwelt geschaffene batteriebetriebene Spielzeugpuppen, im Rhythmus der sich horrormäßig immer wiederholenden Musikfragmente aus ihrem Inneren, vorbei an Sandstrand und Palmen auf das offene Meer in eine unsichere Zukunft treiben.

In der Videoarbeit "Research for Sleeping Positions" (2006) untersucht Jermolaewa die Palette möglicher Schlafpositonen auf einer Bank, die, stellvertretend für immer mehr Bänke im öffentlichen Raum, so konstruiert ist, dass man darauf ja nicht liegen und schlafen kann. Für diese Arbeit hat sie eine Bank am Wiener Westbahnhof ausgesucht, an dem Ort, wo sie 1989 als Flüchtling ihre erste Woche im Westen verbracht hat.

Die Liebe lässt Jermolaewa in ihrem Video "Kiss" (2006) in Form zweier gleicher Mickeymaus Masken sich spielen, die sich anfangs zärtlich küssen, im wachsenden Übermut kleine Fetzen aus dem Gesicht beißen und sich am Ende ganze Stücke vom Leib reißen. So wird ein Prozess von sich lieben, sich einander öffnen, die dadurch implizierte Abhängigkeit voneinander, und die daraus folgenden Möglichkeiten sich zu verletzen oder verletzt zu werden, durch eine geballte Verbildlichung emotional seziert.

In den gezeigten Arbeiten geht es nicht darum großartig Neues festzustellen oder zu behaupten, vielmehr liegt ihre Qualität im Aufgreifen bekannter Themenkomplexe. Es sind Arbeiten, die politische Elemente, Phänomene und Fragestellungen aus verschiedensten Lebensbereichen in sich tragen und sie über Zeichen und Oberflächen sichtbar machen, die ihnen eine vermeintliche Nähe verleihen, welche aber gleichzeitig durch ein komplexes Geflecht der -durch die Zeichen und Oberflächen- hervorgerufenen Empfindungen und Gedanken leicht wieder gebrochen wird. Sie sind zugleich verführerisch und abstoßend, intim und befremdlich.

Auszüge aus den Texten von Karin Pernegger und Lene Leicht für Galerie mezzanin.