Anna Jermolaewa

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In 25 Minuten einmal zur Kunst und wieder zurück
Karin Pernegger

Am Fuß historischer Gebäude und Museen finden sich Menschengruppen ein, die sich mit ihren Geschichten und kleinen Picknicks, die sie mitbringen, die Zeit vertreiben. Sie nutzen die warmen Monate und bereichern das Leben auf den öffentlichen Plätzen mit Leichtsinn und Neugierde. In Städten wie Paris, St. Petersburg, Prag, Moskau oder Rom mischt sich in den Lärm des bunten Treibens das geschäftige Feilbieten einer ganz besonderen lustvollen Kunst: das „Porträt in 25 Minuten“, das Souvenir von sich selbst für die Wand zuhause. Die Zeichner lassen sich auf niedrigen Klapphockern nieder, mit ihrem Handwerkszeug und umgeben von Klapptafeln, die von ihrer Mal- und Zeichenkunst zeugen. Das kleine Freiluftatelier bietet offenen Einblick und ist höchstens von einem bunten Sonnenschirm geschützt. Das Lächeln von Jennifer Lopez, Brad Pitt, Leonardo Di Caprio und anderen Prominenten strahlt den neugierigen Passanten entgegen und verspricht, die Sehnsucht nach Schönheit auf ewig zu bannen. Daraus entstehen kleine Inseln, die den still sitzenden Gast für 25 Minuten dem Alltag entführen und sich auf sich selbst konzentrieren lassen.

Das gezeichnete oder gemalte Porträt geht, entsprechend der kunstgeschichtlichen Auffassung, weit über eine Wiedergabe bloßer Ähnlichkeit hinaus und zielt auf eine anschauliche Vergegenwärtigung von Individualität, um in der körperlichen Gestalt eine seelische Präsenz sichtbar zu machen.1 Bevorzugt wird hierbei die Darstellung des Gesichts, da es nach herkömmlicher Vorstellung der Spiegel der Seele ist und in ihm charakteristische Merkmale des Menschen in verdichtetster Form aufscheinen. Die in den Fotografien von Anna Jermolaewa festgehaltenen Blicke derer, die gerade porträtiert werden, sind unterschiedlich: einerseits vorfreudig gebannt und posierend, aber auch abwesend oder sogar peinlich berührt von aufkeimender Langeweile. Ihre Körper sitzen schwer in den kleinen tiefen Klappstühlen und verpassen vielleicht den Moment, ihrer Seele Ausdruck zu geben. Der fotografische Blick dokumentiert dieses bizarre Ensemble in seiner ganzen Absurdität. Jermolaewa montiert in der Abfolge der Seiten die scheinbar immer gleiche Szene, die nie zu ihrem Ende kommt: die Fertigstellung eines Porträts, das „der Deutung der sozialen und geistigen Wesenheit ein Abbild gibt“.2

Im ersten Moment wirkt die Fotoserie ungewöhnlich im Vergleich zu den uns bekannten Videoarbeiten der Künstlerin. In ihren seriellen Video-Loops konzentriert sie sich auf sehr reduziert gehaltene filmische Mittel, zur Darstellung einer monologischen, eher selbstbezüglichen Situation. Hierfür verwendet Jermolaewa beispielsweise diverse Spielzeuge, deren Bewegungsmechanik sie in endlose Wiederholungen treibt, bis sie sich gänzlich erschöpfen. Das besinnungslose Taumeln der Kinderzimmer-Gefährten symbolisiert den Menschen in seinem oft orientierungslosen Aktionismus, der ihn nicht davor feit, aus dem Rahmen zu fallen. Die Bedeutung der Arbeit reflektiert sich aus dem Irrwitz des Lebens und hat nebenher ein humorvolles Augenzwinkern für die uns alle bestimmende Sexualität. Sie überblendet die gottgegebene patriarchale Welt mit banalen Handlungen, indem sie es Licht werden lässt mittels eines erigierten Penis, der immer wieder einen Lichtschalter drückt. Oder sie stellt das Wachstum von Blumen durch das exemplarische Hochschnellen von steifen Penissen nach, deren Wurzel sie zuvor mit einer Kindergießkanne begossen hat. Ein symbolischer, auch religiös konnotierter Akt wird beiläufig und spielerisch ins Pornografische transponiert.

Mit der vorliegenden Arbeit jedoch wird erstmals eine dialogische Situation vorgestellt, die in ihrer spezifischen Bildauswahl eine biografische Notiz der Künstlerin offen legt. Im Buch tritt sie selbst zweimal auf: als selbst Karikierte, unter einer der Sonnenschirm-Inseln Sitzende und, zum anderen, als Schülerin im sozialistischen Schulapparat der 80er Jahre mit Zeichenbrett und Stift im mit griechischen Plastiken bestückten Aktsaal.

Die Künstlerin zitiert bewusst die hohe Kunst des Porträts, aber sie zeigt es in seiner rüden touristischen Variante, die zwischen Ernsthaftigkeit, Idealisierung und einem unterschwellig betrügerischen Zug oszilliert. Jedes Porträt spiegelt den Wunsch wider, die Schönheit eines Medienstars auch für sich zu behaupten. Oft bedeutet das in Wirklichkeit, dass diese Gattung des Porträts von einer sehr kleinen Auswahl von Gesichtstypen beherrscht wird - was mit Humor genommen werden sollte.

Mit dem Interesse von Anna Jermolaewa an der touristisch verorteten Kunstausübung werden die oben beschriebenen Zeichner zum Gegenstand zeitgenössischer Kunst, zu der sie, trotz oft abgeschlossener akademischer Kunstausbildung, zuvor keinen Zugang hatten. Der gesellschaftlich akkreditierte Kunstmarkt ist ihnen ebenfalls verschlossen. Ihre Akzeptanz beruht allein auf der Basis ihrer handwerklichen Fertigkeit.

Für die Präsentation ihres Künstlerbuches lädt Anna Jermolaewa zu einer Porträt-Aktion im sommerlich bevölkerten Wiener Museumsquartier ein. Im Treiben der zwischen klassischer Moderne und Zeitgenossenschaft positionierten innerstädtischen Kunstmeile werden fünf russische ZeichnerInnen gegen ein in ihrer Profession übliches Entgelt PassantInnen porträtieren. Eingeladen sind Halim Amirov, Alina Fyodorova und Andrej Romasjukov aus St. Petersburg, sowie Alexander Frolov und Anna Frolova aus Moskau.

Denkt man an die mit leisen Schritten betretene Stille der konstituierenden Ausstellungshallen, gegenüber dem kichernden Treiben um jene auf kleinen Hockern niedergelassenen PorträtmalerInnen auf dem „Montmartre“ dieser Welt, dann führen die schwarz-weißen Bilder aus dem Matura-Album der Künstlerin am Ende des Buches den Betrachter ganz woanders hin: nämlich an den Anfang, wo das Thema dieses Buches seine ganz persönliche Botschaft bekommt. Die Videokünstlerin porträtiert erstmals wieder selbst, indem sie eine vorab bemessene Anzahl von InteressentInnen in gleicher Technik zeichnet, so wie sie es in ihrer Ausbildung in der damaligen Sowjetunion gelernt hat. Zum Künstlerbuch erscheint eine Edition, für die Anna Jermolaewa jeweils ein Porträt/eine Karikatur der KäuferInnen anfertigt, um auf diese Weise den Kreislauf der Porträtstudie zu schließen. „Ein anderes sehr typisches Gebiet treffsicheren Zeichnens ist die Karikatur“, so beschreibt Walter Koschatzky es in seinem Buch zur „Kunst der Zeichnung“. „Wie schon das Wort „caricare“ (=überladen) besagt, wird dabei das Charakteristische so übertrieben, dass es zu einer Zuspitzung kommt, die ganz plötzlich etwas bewirkt, was die Psychologie den „Aha-Effekt“ nennt. Zweck der Karikatur war es also weniger, zu verhöhnen, als für noch nicht Entdecktes die Augen zu öffnen.“3

Der vorliegende Text hätte sein Ziel erreicht, gelänge es, den Leser zu animieren, die Nachhaltigkeit einer Porträtsitzung in 25 Minuten für sich selbst zu entdecken.

aus: JERMOLAEWA, ANNA. Portrait in 25 Minutes, Schlebrügge, Wien 2005.

Literatur

Lexikon der Kunst, 1987, Band I. Leipzig, VEB E.A. Seemann Verlag
Wörterbuch der Kunst, 1995, Körners Taschenbuchausgabe Band 165, 12. Auflage, Stuttgart, Körner Verlag
Koschatzky, Walter, (1991, 7. Aufl.), Die Kunst der Zeichnung. München, Deutscher Taschenbuch Verlag