Anna Jermolaewa

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"Essen! Essen! Jamjam! Jamjam!"

Es war Abend, als wir in Traiskirchen ankamen. Wir durften die Nacht auf einer Bank im Warteraum der „Aufnahmestation“ verbringen. Am nächste Tag gleich in der Früh ging es los mit dem Aufnahmeprozerede: Fotos, Fingerabdrücke (später habe ich erfahren dass Fingerabdrücke abnehmen zu der Zeit noch illegal war und erst in den 90er nach der öffentlichen Diskussion über „Asyl-shoppen“ (wo man davon ausgegangen ist, dass AsylbewerberInnen im Falle des negativen Bescheides es in anderen Ländern der Genfer Konvention versuchen) gesetzlich eingeführt wurde.

Hier das Foto von diesem morgen, überhaupt das einzige aus der Zeit. Ich habe es noch, weil es dann auch für mein Flüchtlingsausweis verwendet wurde.

Danach ging es in das Hauptgebäude. Wir wurden in das „Familienzimmer“ gebracht, einen großen Raum mit Hochbetten für zirka 40 Leute, Männer, Frauen und Kinder.

In einem Eck haben Muslims gebettet, in dem anderen Christen. Eine baptistische Familie mit 7 Kindern hat in einer der nachfolgenden Nächten Zuwachs bekommen. Das ganze Zimmer hat Stunden die Wehen mitverfolgt, bis endlich die Ambulanz kam.

Den ganzen Tag über sind wir den Gang  auf und ab spaziert. Zu den Esszeiten kam auf den Lautsprechern in den Zimmern „Essen! Essen! Jamjam, Jamjam!“. Dann wusste man, dass man in das Erdgeschoss gehen soll in die Mensa. Dort nahm man sich eine der Metallschüssel und stellte sich in die Warteschlange. Das Essen mit rauf nehmen durfte man auf keinen Fall. Einer der älteren Insassen, den wir auch beiläufig kennengelernt haben, ein Russe, der davor 15 Jahre in Gulag abgesessen hat, wurde von 3 Polizisten vor der ganzen Menge verprügelt, nur weil er sein Schüsselchen mit Brei mit ins Zimmer nehmen wollte. Danach hat es niemand mehr versucht. Auf die Toilette gehen war an mühsamsten, denn die Klos hatten keine Türen und mehrere Männer warteten schon da, wenn eine Frau auf die Toilette kam.  Mein Exmann stellte sich immer breit davor um mich zu verdecken, während ein-paar Neugierige trotzdem versuchtet, über ihn hinweg in die Kabine zu schauen.

Viele Insassen haben wir nicht kennengelernt. Die Leute waren entweder misstraurisch oder traumatisiert und sprachen nicht viel miteinander. Außerdem hat man uns davor gewarnt, dass in Lager selber einige KGB Leute reingeschmuggelt worden sind und die könnten versuchen, uns direkt im Lager zu beseitigen. Deswegen, während andere Insassen per Lautsprecher aufgerufen worden sind, wurden wir immer diskret aus dem Zimmer geholt.

So ging es ein Monat lang, bis wir zu einem Interview, das Grundlage zu einem Asylantrag bildet, aufgerufen worden sind (da erzählt man die eigene Geschichte einem Juristen (den ich als sehr kompetent und nett in Erinnerung habe) in Anwesenheit vom Übersetzer).

Einige Tage danach wurden wir, wie es üblich war, in ein Flüchtlingspension (unserer war in Südburgenland,  8 km von Jennersdorf) gebracht, wo wir dann noch 6 Monate auf den Bescheid warteten, den Brief mit der Anerkennung des politischen Asyls.

Anna Jermolaewa in: TRAISKIRCHEN, erschienen 2011 im Metro Verlag Wien.