Anna Jermolaewa

works ǀ text ǀ biography ǀ publications ǀ documentation ǀ contact ǀ representing galleries
 
 

 

html / pdf    
 

Vanessa Joan Müller:

Anna Jermolaewa, Non-Places, Frankfurter Kunstverein, Ausst Katalog, 2002.

Zentrales Thema der geloopten Bildsequenzen von Anna Jermolaewa sind die funktionale Strukturen von Gesellschaft, ihre sozialen Beziehungsabläufe und Routinen.

Die redundanten Bewegungen der Spielzeugwesen, die in verschiedenen Videos von Jermolaewa auftreten, laufen jedoch immer wieder systematisch ins Leere. In „3 ´Überlebensversuche“ sind es vierzehn gleichförmige Stehaufmännchen, die erst in sorgsamer Reihung aufgestellt sind, dann aber durch eine externe Kraft in Bewegung geraten und diese nicht mehr stoppen können. Mit steigender Geschwindigkeit pendeln sie hin und her, fallen schließlich auf dem Bildrahmen heraus und stürzen laut krachend ins Off. Dieses Sich-Verlieren über die Ränder hinaus betrifft nicht nur formale Ebene, sondern auch die inhaltliche, da das destruktive Moment selbst unsichtbar bleibt. Das Geräusch des Aufpralls verleiht dem Plastikspielzeug allerdings eine eigenartig körperliche Realität. Als scheinbar spielerische Versuchsanordnung verorten die dreiminütigen Überlebensversuche so nicht nur die Determination des Einzelnen im jeweiligen System, sondern zeigen auch seine daraus resultierende Verwundbarkeit. Hier ist es das kollektive Ausgesetztsein an eine äußere, nicht steuerbare Kraft, die alle Puppen binnen kurzer Zeit stürzen lässt. Der Wille zum Überleben bleibt dennoch ungebrochen – schon einen Moment später stehen die Figuren wieder da wie zuvor.

Die Kontrollgesellschaft mit ihrem überwachenden Blick und ihrem autoritären Machtanspruch ist längst abgelöst worden von etwas, das Michel Foucault als “Gouvernementalität “ bezeichnet hat: Unternehmerische Selbstdisziplinierung, Selbstmarketing und soziale Verantwortung des Einzelnen in subtiler Vermischung mit staatlichen und globalen Steuerungsprozessen. Diese neue Form des Funktionierens innerhalb eines Systems beschreibt eine für die heutige Gesellschaft charakteristische Mentalität, die zwischen Menschenführungen und verinnerlichten „Technologien des Selbst“ für Effizienz und flexible Anpassung an sich ändernde Umstände sorgt.

Das Moment der Fremdkontrolle greift meist auf unpersönliche technische Instanzen zurück, die Selbstbeherrschung hingegen liefert das psychologische Fundament moderner Problembewältigung. Anna Jermolaewa unterläuft in ihren Videos diesen Anspruch des perfekten Funktionierens und zeigt den unliebsamen Absturz, wenn das allzu Konforme den Halt verliert und selbst die anspruchslose Stehauf-Mentalität für einen Moment versagt.