Anna Jermolaewa

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Anna Jermolaewa

Die retrospektiv angelegte Ausstellung der aus Russland stammenden Künstlerin Anna Jermolaewa (* 1970) bietet mit Werken aus den Jahren 1996 bis 2012 den bisher umfassendsten Einblick in ihr Schaffen.
Die Künstlerin arbeitet vornehmlich in den Medien Fotografie, Video und Installation, wobei videografische Arbeiten den größten Stellenwert einnehmen. Ihr Hauptinteresse gilt der Analyse funktionaler Strukturen der Gesellschaft und den sozialen Beziehungssystemen alltäglicher Lebensumstände. Immer wieder stehen die Grundbedingungen der menschlichen Existenz und die Natur des Menschen im Mittelpunkt. Komplexe politische und gesellschaftliche Sachverhalte werden mithilfe präziser filmischer Kompositions- und Aufzeichnungsschemata zu eindringlichen, bedrückend-absurden Metaphern verdichtet. Ein oft hintergründiger Humor ist den vielschichtigen Arbeiten eigen und ermöglicht eine vermeintlich leicht zugängliche Rezeption. Dahinter verbirgt sich jedoch stets ein äußerst kritisches Potenzial.

Dabei geht es Jermolaewa um das Verhältnis von Individuum und Masse, Freiheit und Restriktion, Macht und Ohnmacht, insbesondere auch um Zusammenhänge und Netzwerke hegemonialer Strukturen, in deren Einflussbereich weitreichende Entscheidungen getroffen werden. So ist ihre Kunstproduktion eine, die im Kontext der Geschichte die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Implikationen analysiert und das Ausgeliefertsein sowie die Möglichkeiten der Einflussnahme des Individuums durch ein widerständiges Bewusstsein metaphorisch erkundet und damit auch das Potenzial der Kunst für die Gesellschaft andeutet.

Formalästhetisch stehen Jermolaewas Arbeiten im Widerspruch zu herkömmlichen Erwartungen und Sehgewohnheiten.
Dies liegt an ihrem direkten Blick, der nicht auf das Spektakuläre, sondern auf die kleinen Details des Alltags gerichtet ist. Ihre Fotografien und Videos geben Auskunft über eine Welt des Scheiterns, über bewusste und unbewusste Ängste und nicht zuletzt über Sehnsüchte und Leidenschaften. Das Ergebnis sind komplexe Reflexionen über individuelles und kollektives Geschichtsbewusstsein, sind eindrückliche Bilder, die den Betrachtern in Erinnerung bleiben und Augen wie Geist öffnen.

Mit ihrem Blick auf Geschichte und Geschichten schafft Jermolaewa Orte der Erinnerung und bezeugt damit, dass diese nie herrschaftsfrei entstehen, sondern immer in ein offenes Bezugssystem neuer Einflüsse eingebunden sind. Somit ist ihre Kunst auch eine Spurensicherung, mit der sie Phänomene der Geschichte und des Menschseins aufzeichnet, bewusst macht und speichert.


Kurator: Hans-Peter Wipplinger