Anna Jermolaewa

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Yuri Leiderman

In Bezug auf die Arbeiten von Anna Jermolaewa sollte man sich vor allem darüber im Klaren sein, dass sie auf keinen Fall Methaphern für etwas sind, und schon gar nicht Methaphern für das „wahre Leben“ und seine „Probleme“. Sie sind kein Versuch, Konsumverhalten, Gewalt, Intoleranz und sonstigen Aberwitz, der uns sozusagen „von allen Seiten“ umgibt, darzustellen.
Das heißt, präziser gesagt, sie stellen das alles eben als reinsten Aberwitz hin, denn sie selbst sind Intoleranz, Konsumverhalten und permanente Gewalt, direct action, die sich selbst nicht wahrnimmt, sich selbst nicht bewertet und für sich selbst gar nicht existiert.
3 min. überlebensversuche ... Überleben wo, inmitten von was – in einer Art Brownscher
Bewegung, die sich so oder so jenseits der Grenze von Leben und Tod vollzieht? Und wer versucht dort zu überleben – Matrjoschka-Puppen, Moleküle und Hühnerkeulen? Deren ganzes nichtiges Leben ist ohnehin in absolute Gefühllosigkeit, in pure Phantastik getaucht, in mechanische Monotonien wie: mit dem Schwanz das Licht ein- und ausschalten. Und natürlich ist es lediglich der in Erektion erstarrte Phallos – der nackte Sinn, der sich wie ein Blick und wie die Sinnlosigkeit in jenen Zonen des Raums aufrichtet, wo die Gewalt „wie eine Schriftrolle zusammengerollt wird“ und sich gegen sich selbst wendet, wo ständig ein und dasselbe passiert – Licht geht aus und an, und fröhliche matrimoniale Matrjoschkas brechen zusammen und fallen von allen Seiten zu Boden.
Jeglicher Hinweis auf die „Realität“ in Bezug auf diese Arbeiten würde deplatziert wirken, wie etwa die dämlichen Mahnungen in den Videos mit den Rolltreppen der Petersburger U-Bahn: „Lassen Sie Ihre persönlichen Gegenstände nicht in den U-Bahnwaggons zurück“ oder wie irgendeine irre Ausverkaufswerbung von „Schuhen der Frühjahrs- und Sommerkollektion“. Die Videokamera ist hier keineswegs ein journalistisches Werkzeug, kein Mittel plakatartiger Appelle mit ihrer „rauen Sprache“. Vielmehr ist dies ein Versuch der vollkommen glatten, indifferenten und daher unvermeidbar bescheuert, possenhaft, unecht wirkenden Fixierung. Vergleichbar mit Fotogeräten in der Elementarteilchen-Physik, im Einsatz in der Wilson-Kammer, der Bläschen- Kammer usw. – an jener Grenze, wo sich die Elementargrundlagen unserer Welt bei den Versuchen ihrer maximal exakten Abbildung als Halluzination entpuppen. In vollem Einklang mit dem quantentheoretischen Grundsatz der Unschärfe ist die fixierende Vorrichtung selbst in diese endlosen Vorgänge von Destruktion und Reinkarnation einbezogen – die Kammer muss im Endergebnis demoliert, durchschossen, kaputtgeschlagen sein. Und dann Wiederholung und noch-einmal, in einem fort, ohne Ende. (Dies ist übrigens das einzige Video, in dem wir die Künstlerin selbst sehen – sie erscheint nicht etwa, um etwas zu finden und festzuhalten, sondern lediglich, um die fixierende Vorrichtung sonstigen involvierten Objekten gleichzusetzen: den Matrjoschkas, den futternd-gefütterten Hündchen und den am Grill rotierenden Hühnerkeulen. Daher rührt im Wesentlichen der ästhetische Reiz dieser Arbeiten: Obwohl sie meist absolut steuer- und manipulierbares mechanisches Spielzeug einbeziehen1, scheinen diese Arbeiten keinen Demiurgen, keinen Schöpfer zu haben. Es gibt kein boshaftes Erfindergenie, der da seine aufziehbaren Puppen drechselt und keine unglückseligen, gegen ihren Schöpfer aufbegehrenden Apparate, sondern rein physikalische Kräfte – Gravitation, Verdauungs- und Schwellkörper2, die weder „gut“ noch „böse “, die keinem fremden Beobachter zugänglich und stets verschwindend absolut sind. Ein ums andere Mal sehen wir Hände, die von der debilen Figur eines pissenden Knaben das Höschen herunterziehen, doch es hat den Anschein, als wären sie – diese durchaus gewichtigen, erwachsenen, menschlichen Hände und dieses jämmerliche, wahrscheinlich irgendwo in Taiwan gefertigte Figürchen – gleichberechtigt und untrennbar in irgendeinem, man könnte sagen „kosmischen“, Menuett verbunden. Gleichermaßen scheinen auch die tönenden Spielgegenstände aus Annas Quartetten und Orchesternniemanden zu brauchen, der sie aufzieht, sie „ziehen sich selbst auf“ durch die Energie ihrer eigenen unzerbrechlichen, debilen Wiederholbarkeit. „Gravitationsabteilung im Zufallsministerium“, würde es Duchamp formulieren und sich sogleich selbst korrigieren: „Zufallsabteilung im Gravitationsministerium“ – kurzum, Butter in der Milchstraße.
Allerdings ... „Realität“, „menschliche Probleme“ – wer weiß, was das ist? Ich entwarf diesen Text an einem Sonntagabend auf einer Bank in der Hauptallee des Wiener Praters. An mir vorbei spazierten, liefen oder skateten Subjekte (von denen die meisten nicht Deutsch sprachen), die unter der Einwirkung von Gravitations-, „Schwell“-, Spirituosen- und sonstigen Kräften standen.
Inwieweit konnte man sie in diesem Moment als „bewusste Menschen“ betrachten? Oder waren sie gerade kraft ihres Un-Bewusstseins Menschen?

1 Oder etwas damit in ihrer ornamentalen, idiotischen Einfalt Vergleichbares, von der Art des sich, wenn aus
einer Gießkanne berieselt, gehorsam aufrichtenden Penis.
2 Die Schwellkörper gewährleisten das Zustandekommen der Erektion.

in: Anna Jermolaewa Big Sister / The Five Year Plan, Ausst.Kat., Herausg. v. Gerald Matt f.d. Ursula Blickle Stiftung, Wien, 2002.